Kategorie-Archiv: Texte von Studies

Hier werden Texte von den Studierenden der Germanistik veröffentlicht.

…und die Gewinnerinnen sind…

Sejla Gljiva_Sarajevo

Ines Jokic_Rijeka

Natasa Horvat_Osijek

noch einige fotografische Eindrücke der Ausstellungseröffnung und des Workshops sowie des gemeinsamen Abendessens, bei dem die Textprodukte, die während des Workshops hart erarbeitet wurden, vorgestellt wurden.

 

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Spannende Bücher in der Österreichbibliothek

An dieser Stelle sollen immer wieder neue/alte, spannende/unspannende Bücher, Lehrmaterialien oder anderes aus der Österreichbibliothek von Studierenden der Germanistik vorgestellt werden.

Julya Rabinovich, eine junge österreich-russische Autorin, wird hier von Anemarija Ručević präsentiert.

Übrigens wurden einige ihrer Texte in http://www.zentrumexil.at/ publiziert. Sie hat momentan ihre eigene Rubrik in der Sonntagsausgabe des Printstandard, der jede Woche aus Österreich an die Österreichbibliothek Osijek geliefert wird!

Julya Rabinowich- die neue (erfrischende)Stimme Österreichs

Österreich hat eine neue Stimme: die 1970 in St. Petersburg geborene Schriftstellerin und Malerin Julya Rabinowich. Die heute 42-jährige kam im Alter von  7 Jahren mit ihren Eltern nach Wien: „Mir hat es hier von Anfang an sehr gut gefallen. Im Endeffekt habe ich nie um Russland getrauert.“

In Österreich angekommen, war das größte Problem die deutsche Sprache: sie wurde direkt in die 2. Klasse gesteckt, obwohl sie kaum Deutsch konnte- „ein Sprung ins kalte Wasser“. Sie beschloß „perfekt Deutsch zu lernen, weil ich bemerkt habe, dass ich zusammen mit den Türken und Jugoslawen das apsolute Schlusslicht in der Rangordnung innerhalb der Klasse eingenommen habe.“ Sie wurde ehrgeizig und ihr erster kleiner Erfolg blieb nicht aus: sie schafte es, im Gegensatz zu einigen österreichischen Kindern, auf das Gymnasium und wurde in der 3. Mittelschule die beste Schülerin im Fach Deutsch.

Julyas Eltern waren malende Künstler- der Vater hat nie Deutsch gelernt und konnte sich auch nicht assimilieren, er war in Wien nicht glücklich und litt unter großem Heimweh im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich dank ihrer Deutschkenntnisse schnell eingelebt hat, einen Job fand und somit ein sicheres Einkommen hatte. Auch Julyas Oma (60), die mit nach Österreich kam, integrierte sich sehr leicht, da auch sie Deutsch, Französisch und ein bisschen Italienisch sprach.

Julyas Anfänge des literarischen Schaffens begannen bereits mit 11 Jahren, als sie ihre ersten Märchen schrieb, aber auch mit dem Geschenk einer Hofschreibmaschine, auf der sie 10-15 Kurzgeschichten schrieb und etwa 15 Romane mit über 300 Seiten. Ihr wohlbehütetes Leben schien eigentlich fehlerfrei zu laufen- bis zu dem Moment als ihr Vater unerwartet starb. Für Julya ein Schock, den sie schwer verkraftet hat- es kam zu einer Schreib- und Malblockade. Sie fühlte sich verantwortlich für den Tod ihres Vaters, weil sie sich entschlossen hat, ein komplett anderes Leben zu führen, aus ihrem wohlbehüteten Leben auszubrechen- sie schmiss die Schule, suchte sich Jobs, rebellierte, indem sie noch extremer wurde: sie probierte alles aus (das Schlechte und Verbotene), war Punk, Hippie und Gruftie- sie wechselte von einer Gesellschaft in die nächste, lebte sich darin schnell ein, was man wahrscheinlich auf ihre Emigration zurückführen kann und verlor dabei den Kontakt zur Mutter, der sich erst mit ihrer Schwangerschaft wieder herstellte, in der man bei ihr einen, während der Schwangerschaft inoperabelen, Herzfehler feststellte. Nach der Geburt ihrer Tochter, bei der sie viel Glück hatte, konnte man sie operieren, und die damals 25-jährige sah vom Aussehen und den erlebten Erfahrungen bereits wie 40 oder 50 aus.

Von da an begann ein neuer Lebensabschnitt. Julya entschied sich, über ihre Zeit in Wien zu schreiben, über die verschiedenen Zyklen, in denen sie Höhen und Tiefen erlebte und in der sich auch genug Material ansammelte.

Die heute allein lebende Schriftstellerin schreibt über die Beziehungen der Menschen zueinander: „Menschsein in einer Welt, in der nicht alles sofort klar ist. (…) Ich zoome in eine chaotische Menge von Details hinein, weil das meiner Lebenserfahrung am ehesten entspricht.“

Julya Rabinowich schreibt in ihren Werken über Themen, die uns weitgehend über die Medien oberflächlich bekannt sind: Integration in die Gesellschaft, Emigration, Entwurzelung und Orientierung in der Fremde, Identitätskrisen und Außenseiter, die sich versuchen, an das System anzupassen, Traditionen (Traditionsbrüche) und Werte, Erfahrungen von Immigration. Die Schriftstellerin zeigt diese Themen an einzelnen Schicksalen von Menschen, die in der normalen Welt, der heutigen Realität in der Masse untergehen würden und das auf eine Weise, die intensiv, poetisch, beeindruckend ist und unter die Haut geht.

 

Tagfinsternis (2007)

„Tagfinsternis“ ist ein 2007 entstandenes Drama, das die Geschichte einer fünfköpfigen Flüchtlingsfamilie erzählt, deren Alltag geprägt ist von innerfamiliären Streitereien, aber auch dem Versuch zwischen Anpassung und Traditionsbewahrung in einem Land, in dem sie keine finanzielle Sicherheit und Rückhalt haben. Trotzdem geben sie die Hoffnung nicht auf und träumen von einem Leben in den eigenen vier Wänden.

Die Eltern, Eli und Petimat, leben mit ihren beiden Kindern, Madina (15) und Abubakar (12), und der Schwester der Mutter, Zargan, in einer Flüchtlingspension und warten dort auf einen positiven Asylbescheid, der ihnen eine Zukunft in Österreich garantieren würde.

Die Ereignisse und Erlebnisse des Krieges hinterließen Folgen bei den Flüchtlingen und jeder in der Familie hat sein Schicksal: Eli hat als Krankenpfleger Widerstandskämpfer verarztet und gilt seitdem als Staatsfeind. Sein Bruder wurde in der Heimat als Geisel genommen und um ihn zu befreien, müsste sich Eli in der Heimat stellen. Zargan will den Tod ihres Mannes rächen und fühlt sich in der Familie unerwünscht, obwohl sie durch die Flucht nach Österreich gerettet wurde. Madina ist unentschlossen zwischen dem Wunsch nach Anpassung und traditionellem Gehorsam. Abubakar soll ein besseres Leben haben, weit weg von Blutrache und Kriegspflichterfüllung und Petimat wünscht sich einfach ein besseres Leben in Österreich.

Eli will der Ehre wegen seinen Bruder befreien und gerade in diesem Moment kommt der positive Asylbescheid. Petimat will ihren Mann vor dem sicheren Tod retten, denn die Chance, seinen Bruder zu retten, bedeutet gleichzeitig, seine Familie hier zu opfern. Eli kann sich den Gesetzen der Tradition nicht widersetzen und so beschließt er, seinen Bruder zu retten.

In diesem Drama stellt sich die Frage nach der eigenen Identität, nach Traditionen und deren Bedeutung für jeden Einzelnen je nach Herkunftsland. Julya Rabinowich fragt sich, was man davon hat, wenn man die eigenen Werte verleugnet und wie man dadurch Freiheit und ein besseres Leben erlangen kann. Es ist ein Drama, das von Erfahrungen der Immigration erzählt, aber auch ein uns oberflächlich bekanntes Thema behandelt, dem Warten auf Asylbescheide, das die Autorin auf eine sehr gelungene, fast poetische Weise beschreibt.

 

Spaltkopf (2008)

Rabinowichs Debütroman beschreibt zum einen die Entwurzelung einer Familie, wie auch deren Orientierung in der Fremde, zum anderen das Erwachsenwerden und die Identitätskrise einer Außenseiterin, die, wenn man Rabinowichs Biographie kennt, ebenso auch ihre Geschichte sein könnte.

Es handelt sich um die Geschichte einer jüdischen Familie, die in den 70er Jahren von Russland nach Australien emigrieren möchte, sich aber in Wien niederlässt. Die Ich- Erzählerin ist Mischka, die Tochter einer russisch- jüdischen Familie aus Leningrad, deren Eltern malende Künstler und kritische Intellektuelle sind. Die erste Station auf ihrer Emigrationsreise ist Wien, in der Mischka auf Wunsch der Eltern zahlreiche Kunstmuseen besucht und Dostojewski lesen muss, um ihre russischen Wurzeln nicht zu vergessen.

Da ihr Vater Lev Kontakte knüpft und auch seine erste Ausstellung ebenso erfolgreich organisiert, bleibt die Familie in Wien und Mischka in der Schule die Außenseiterin. Mischka wird langsam erwachsen, kommt in die Pubertät und wird in ihren Freiheiten eingeschränkt- das ist auch der Grund für ihren Revolte: sie provoziert mit ihrer Kleidung und kahl rasiertem Schädel, treibt sich herum, schläft in U- Bahnen.

Nach der Geburt ihrer behinderten Schwester Magdalena, beginnt auch die Ehe ihrer Eltern zu kriseln, der Vater reist nach St. Petersburg, wo er stirbt und begraben wird. Mischka verliert jeden Halt, ihr wird der Boden unter den Füßen weggerissen, sie gerät in eine Identitätskrise und entschließt sich nach Berlin zu gehen, wo sie in einer WG mit Studenten, Kriminellen, Feministinnen, Alkoholikern u.a. lebt.

Mischka ist auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach dem „Wer bin ich? Was will ich?“, erschrickt jedoch vor sich selbst. Auch die geschlossene Ehe mit Franz ist keine Lösung, bringt ihr keine Geborgenheit und Liebe – die Beziehung hält nicht lange, sie werden geschieden. Wahnhaft identifiziert sie sich mit der mythischen Gestalt der bösen Hexe Baba Yaga. Sie tötet ihr ungeborenes Kind, will auch Franz töten, den sie zum 2. Mal heiratet.

Sie bleibt die Heimatlose und Außenseiterin, auch als sie wieder in ihre Geburtsstadt St. Petersburg reist. „Spaltkopf“ (eine Schauerfigur für Kinder, ähnlich wie „der scharze Mann“) ist eine bittere, zynische und sarkastische Geschichte des Erwachsenwerdens; ein junges Mädchen wird ungewollt entwurzelt und umgetopft. Ein Mädchen, voller Ablehnung gegen andere, die kein Glück im Westen findet.

„Spaltkopf“ ist ein sehr anspruchsvoller Roman, der die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert; ein Roman, der den Leser in den Bann zieht, der beeindruckend, intensiv und zugleich verblüffend ist. Das zeigt auch die Auszeichnung mit dem Rauriser Literaturpreis für die beste deutschsprachige Prosa-Erstveröffentlichung. Hiermit hat sich Julya Rabinowich nicht nur in Österreich, sondern auch in der österreichischen Literatur einen festen Platz gesichert.